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Indignez-vous!

25. Mai 2012

Grinsebär Francois Hollande ist ein Sozi durch und durch: Er bläst zum „Ansturm auf die Banken“ und „mag keine Reichen“. Wen wundert es da, dass der Guteste gleich drei Bankkonten üppig befüllt – zwei davon bei dem global agierenden Finanzwal Société Générale. Außerdem residiert Hollande so feudal, dass selbst Lafontaine nebst Hummerliebhaberin Wagenknecht neidisch werden könnten: Bergseits, über der Promenade von Cannes, im exklusiven Mougins, in dem auch so illustre Persönlichkeiten wie Pablo Picasso zu residieren pflegten, bewohnt er eine palastartige Villa. Eine von drei Residenzen Hollandes an der Riviera. Unnötig zu erwähnen, dass Herr Hollande noch niemals in seinem Leben produktiv tätig war, und dass sein Besitz vor allem von einem finanziert wurde: Dem Steuerzahler.

Socialist Hollande owns three homes on the Riviera

Reichsfluchtsteuer: Der amerikanische Staat greift in die totalitäre Mottenkiste

25. Mai 2012

Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten

Die USA sind das einzige Land innerhalb der OECD, das seine Bürger unabhängig von ihrem Wohnort besteuert. Per Gesetz sind amerikanische Staatsbürger verpflichtet im Ausland erzielte Einnahmen und Gewinne in den USA zu versteuern (zuzüglich zu den Steuern, die er vor Ort entrichten muss). Wenig verwunderlich, dass die Zahl der im Ausland lebenden Amerikaner, die ihren Pass abgeben stetig steigt. Seit 2008 hat sich ihre Zahl versiebenfacht. Einer von ihnen ist Eduardo Saverin, Mitbegründer des diese Tage an der Börse abschmierenden sozialen Netzwerks Facebook. Der seit 2009 in Singapur lebende, und in den USA Steuern zahlende Brasilianer, gab seinen Pass – wer mag es ihm verdenken – kurz vor dem Börsengang von Facebook ab. Bei rund 4% soll der Anteil Saverins an dem Internet-Koloss liegen und die Kapitalerträge durch den Börsengang bei mindestens 2 Mrd. Dollar.

Unvorstellbar: Unter den lüsternen Augen des klammen amerikanischen Staates versickern da zweistellige Millionenbeträge in den Taschen eines Singapurianers. Nein! Eines NEU-Singapurianers. Eben war er noch ein U.S. Bürger. Und das hätte er gefälligst so lange bleiben sollen, bis es Uncle Sam fiskalisch in den Kram passt. Der demokratische New Yorker Senator Charles Schumer möchte daher einen Gesetzvorschlag einbringen, mit dem es möglich sein soll, noch nachträglich an die Kohle zu kommen. Saverin soll mit einer dreißigprozentigen Strafsteuer belegt werden. „Wir werden ihn damit nicht so einfach davonkommen lassen“, so Schumer. Auf Applaus aus Washington musste er nicht lange warten: Der Sprecher des US-Repräsentantenhauses, der Republikaner John Boehner, nannte Saverins Kapitalflucht „abscheulich“ und kündigte an Schumer unterstützen zu wollen.

Grover Norquist, Präsident der US-amerikanischen Interessenvertretung „Americans for Tax Reform“, kommentierte Schumers Pläne wie folgt: „Ich glaube Schumer wird sicherlich eine Rechtsgrundlage dafür finden. Sie existierte in Deutschland in den 1930er oder in Rhodesien in den 1970er Jahren. Oder auch in Süd-Afrika. Bestimmt hat er sie von den Deutschen abgeschrieben und übersetzt.“ Norquist spielt damit auf die „Reichsfluchtsteuer“ an, die 1931 von Heinrich Brünings „Tolerierungskoalition“ aus Zentrumspartei und Sozialdemokraten erlassen und 1934 dankbar von den Nationalsozialisten aufgegriffen und modifiziert wurde. Im Gegensatz zu den von Charles Schumer geforderten 30%, begnügte sich das dritte Reich allerdings mit 25% Fluchtsteuer. Trotzdem konnten insgesamt 941 Mio. Reichsmark eingetrieben werden. Ungefähr neunzig Prozent der Summe sollen von rassisch verfolgten Emigranten stammen.

Dass diese Diskussion nun ausgerechnet hochkocht, während in den USA der so genannte „Foreign Account Tax Compliance Act“ ausgeformt wird, der es Amerikanern erschweren soll Geld außer Landes zu schaffen, sollte die Amerikaner beunruhigen. Betrachtet man die Art und Weise, wie hierzulande mit der Schweiz und ihrem Bankgeheimnis umgesprungen wird, so wird man das Gefühl nicht los, dass wir sie auch bald wieder haben könnten, die Reichsfluchtsteuer. Oder gar die Mauer?

Zwangsvorstellungen II: Alles Theater!

25. Mai 2012

Aber natürlich könnten die deutschen Theater auch ganz ohne Subventionen spielen, sie haben es ja in der Vorhitlerzeit und in der unmittelbaren Nachkriegszeit auch getan. Allerdings hat man damals für das Publikum gespielt, nicht für die Kritiker und die Kulturpolitiker. Man hatte volle Häuser, ohne nennenswerte künstlerische Konzessionen machen zu müssen, denn gute Kunst verkauft sich meistens auch gut. Und man sieht es noch heute an den englischen und amerikanischen Theatern, an die keine Steuergelder fließen, weil sie vom Kartenverkauf gut leben können. Die einzigen Sparten, die subventioniert werden müssen, sind Oper und Ballett, und die werden auch in England und Amerika subventioniert, allerdings von privaten Sponsoren. Engländer und Amerikaner finden es nämlich undemokratisch, wenn Steuergelder für Dinge verwendet werden, an denen nur ein kleiner Teil der Bevölkerung teilnimmt.
Warum wird also das normale Sprechtheater nur in Deutschland (und Österreich) so hoch subventioniert? Die Antwort ist einfach: Weil man es hoch subventionieren will. Man will die Theater unter politischer Kontrolle halten, also hat man sie teuer gemacht, damit sie subventioniert werden müssen. Man hat dafür gesorgt, daß beispielsweise Schauspieler fest engagiert werden, auch wenn es zeitweise keine Rollen für sie gibt. Dann gehen sie halt ein paar Wochen lang spazieren oder arbeiten in Film, Funk und Fernsehen, und beziehen trotzdem ihr Theatergehalt weiter. Man hat auch dafür gesorgt, daß das technische Personal feste Arbeitszeiten, Weihnachts- und Urlaubsgeld und Altersrenten bekommt, als ob das Theater eine Industrie wäre und kein künstlerisches Unternehmen, ferner daß das Theater mehr Dramaturgen, Sekretäre, Requisiteure, Kostümschneider und Handwerker beschäftigt, als es tatsächlich braucht. Man gibt mehr Geld für Werbung aus. Man läßt Regisseure und Intendanten die Produktionen unnötig verteuern, indem sie – natürlich im Namen der heiligen Kunst – längere Probezeiten, kostspieligere Bühnenbilder oder Gastschauspieler verlangen.
Und man kümmert sich nur wenig um das Publikum. Auslastung und Eintrittspreise kommen zwar zur Sprache, werden aber nicht wirklich wichtig genommen. Konsequenterweise stehen auch fast alle Regisseure, Schauspieldirektoren und Intendanten auf dem Standpunkt, daß sie ihre persönlichen künstlerischen Ideen verwirklichen müssen, auch wenn es auf Kosten des Publikums geht und natürlich auch auf Kosten der Steuerzahler.
Aber nicht nur die großen Theater dürfen Geld aus sogenannten künstlerischen Gründen zum Fenster hinauswerfen, Subventionen fließen auch an Kellertheater, solange sie behaupten, daß sie „künstlerisch experimentieren“, sie fließen an Kabarettvorstellungen, bei denen vor allem Hosenherunterlassungs- und Grimassenkomik vorherrscht, sie fließen an Kleinkunsttheater, die dilettantische SängerInnen oder Krawattenkomiker für das biertrinkende Publikum engagieren, denn die Subventionsgeber legen Wert darauf, daß sie sich in künstlerische Dinge nicht einmischen, solange sie gebraucht werden, solange sie subventionieren dürfen. Übrigens weiß ich das auch aus persönlicher Erfahrung: Ich habe vor Jahren, einmal in Berlin und einmal in Wien, versucht, ein eigenes Theater zu gründen – nicht allein, sondern zusammen mit anderen Künstlern, und wir haben die Kosten genau berechnet und fachmännisch prüfen lassen. Beide Male habe ich den Fehler gemacht, zu erklären, daß ich keine Subventionen brauche, und beide Male haben die Kulturpolitiker der Städte Berlin und Wien mein Vorhaben verhindert. Sie wollten unbedingt zahlen.
Denn was sie um keinen Preis wollen, ist ein Theater, das von ihnen unabhängig ist. Dem mißtrauen sie zutiefst. Also engagiert man „moderne“ Regisseure, Schlingensief, Castorf, Haußmann und wie sie alle heißen, macht sie manchmal sogar zu Intendanten, und die liefern dann das, was sie – und nur sie! – modernes Theater nennen. Aber modernes Theater heißt – und man kann es nicht oft genug wiederholen: Ein Stück werktreu zu spielen, aber so, daß das Publikum das Gefühl hat, modernes Theater zu erleben. Das ist natürlich schwieriger, als Regiemätzchen zu erfinden, Geschlechtsverkehr auf der Bühne stattfinden zu lassen oder ein Stück aus dem 18. Jahrhundert ins 21. Jahrhundert zu verlegen. Man hat ja auch, bevor diese unguten „Regisseure“ auftauchten, klassische Stücke aus vergangenen Jahrhunderten werktreu inszeniert, und das Publikum hat sie durchaus als modern empfunden.
Die heutigen Regisseure verlegen zunächst einmal das Stück in ein anderes Bühnenbild und in eine andere Zeit. Und dann machen sie es wie seinerseits die Nazis: Alles, was ihnen am Text nicht paßt, wird gestrichen. Die Nazis nannten diese Texte dann „undeutsch“ oder „verjudet“, und die heutigen Regisseure nennen sie „Opas Theater“. Das ist der ganze Unterschied. Aber Zensur bleibt Zensur, auch wenn man sie „Modernisierung“ oder „Regie“ nennt. Und das Schlimmste ist: Junge Leute, die sich nicht an vergangene Zeiten erinnern können, bekommen keinen Goethe oder Strindberg oder Molnar zu sehen, sondern nur die Auswüchse eines Besserwissers. Und natürlich auch kein politisches Theater, kein Theater, das die heutige Gesellschaft in Frage stellt, kein nachdenkliches oder Gott behüte revolutionäres Theater, sondern in den allermeisten Fällen einfach eine Bühne, auf der sich die Menschen, wie im Kasperltheater, auffallend oder schweinisch benehmen.
Zugegeben, es gibt auch Leute, vor allem Zeitungskritiker, die parteigebundene Zeitungen vertreten, die sagen: Ist doch toll, alles spielt im Heute, sogar Shakespeare, Wotan mit Aktentasche, Nora erschießt ihren Mann, statt davonzulaufen, wie bei Ibsen, recht geschieht ihm, genial, Figaro ist kein Frisör, sondern spekuliert an der Börse, ach, Mozart stimmt dann nicht mehr? Who cares? Romeo ist schwul, und alle sind nackt, alle bumsen, war früher verboten, aber das Leben ist doch so, Traviata ist ’ne richtige Nutte, zeigt alles, der alte König Lear ist eine junge Frau, Faust ist debil, Othello spielt im Boxring, Zauberflöte im Zirkus, Hamlet im Brausebad, ja, das ist Kunst, das ist modernes Theater!
Hören Sie, Sie blöder Zeitungskritiker, ich bin weder neidisch, noch suche ich ein Engagement, ich bin 81 Jahre alt und will in Ruhe gelassen werden. Und natürlich weine ich Opas Theater keine Träne nach, das Theater muß mit der Zeit gehen, aber nicht mit der Zensur oder mit der Schmiere und vor allem: Sehen Sie doch endlich ein, auch wenn es die Theatermacher leugnen oder verdrängen, daß Kulturpolitiker und Theatermacher dieselbe Mutter haben, und die heißt nicht Demokratie, sondern Macht.

von Georg Kreisler (1922-2011)

Dieser Text wirft natürlich Fragen auf. Die nach der Henne und dem Ei beispielsweise. „Man will die Theater unter politischer Kontrolle halten, also hat man sie teuer gemacht, damit sie subventioniert werden müssen.“ Oder sind sie womöglich so teuer geworden, weil sie subventioniert werden? Läuft es nicht überall genau so? Wo Geld auf den Tisch gelegt wird, wird hingelangt! Auch bin ich mit Kreislers letzten Satz nicht einverstanden. Ihre Mutter heißt ganz eindeutig Demokratie. Also Macht!

Und hier noch ein sehr lesenswerter kulturkonservativer Blick von Michael Klonovsky auf das Thema:

„Im Regietheater hat sich die Geste der antibürgerlichen Revolte erhalten, die diese Gesellschaft seit 1968 prägt, aber mangels eines konkreten Objektes – es ist ja längst alles abgeräumt – erschöpft sie sich im Selbstzweck. Mangels Bürgern im Publikum ist die antibürgerliche Attitüde leer und hohl geworden. Regietheater ist heute ungefähr so avantgardistisch wie Nippel-Piercing und Arsch-Tatoo, also in Wirklichkeit eine Form von mainstreamiger Linksspießigkeit.“ Weiterlesen: Herunter! Herunter!

Zwangsvorstellungen

24. Mai 2012

Woher diese leeren Theater? Nur durch das Ausbleiben des Publikums. Schuld daran – nur der Staat. Warum wird kein Theaterzwang eingeführt? Wenn jeder Mensch in das Theater gehen muß, wird die Sache gleich anders. Warum ist der Schulzwang eingeführt? Kein Schüler würde die Schule besuchen, wenn er nicht müßte. Beim Theater, wenn es auch nicht leicht ist, würde sich das unschwer ebenfalls doch vielleicht einführen lassen. Der gute Wille und die Pflicht bringen alles zustande.
Ist das Theater nicht auch Schule, Fragezeichen!
Schon bei den Kindern könnte man beginnen mit dem Theaterzwang. Das Repertoire eines Kindertheaters wäre sicherlich nur auf Märchen aufgebaut, wie „Hänsel und Gretel“, „Der Wolf und die sieben Schneewittchen“.
In der Großstadt sind hundert Schulen, jede Schule hat tausend Kinder pro Tag, das sind hunderttausend Kinder. Diese hunderttausend Kinder jeden Tag vormittags in die Schule, jeden Nachmittag ins Theater – Eintritt pro Kinderperson fünfzig Pfennig, natürlich auf Staatskosten, das sind hundert Theater je tausend Sitzplätze. Also per Theater 500RM – sind 50000RM bei hundert Theatern.
Wieviel Schauspielern wäre hier Arbeitsgelegenheit geboten! Der Theaterzwang bezirksweise eingeführt, würde das ganze Wirtschaftsleben neu beleben. Es ist absolut nicht einerlei, wenn ich sage: soll ich heute ins Theater gehen, oder wenn es heißt: ich muß heute ins Theater gehen. Durch diese Theaterpflicht läßt der betreffende Staatsbürger freiwillig alle anderen stupiden Abendunterhaltungen fahren, wie Kegelschieben, Tarocken, Biertischpolitik, Rendezvous, ferner die zeitraubenden blöden Gesellschaftsspiele: „Fürchtet ihr den schwarzen Mann“, „Schneider, leih mir deine Frau“ usw.
Der Staatsbürger weiß, daß er ins Theater muß – er braucht sich kein Stück mehr herauszusuchen, er hat keinen Zweifel darüber, soll ich mir heute „Tristan und Isolde“ anschauen nein, er muß sichs anschauen – denn es ist seine Pflicht.
Er ist gezwungen, dreihundertfünfundsechzigmal im Jahr ins Theater zu gehen, ob es ihm nun vor dem Theater graust oder nicht. Einem Schüler graust es auch, in die Schule zu gehen, aber er geht gern hinein, weil er muß. – Zwang! – Nur durch Zwang ist heute unser Theaterpublikum zum Theaterbesuch zu zwingen. Mit guten Worten haben wir jetzt Jahrzehnte hindurch wenig Erfolg gehabt. Die verlockendsten Anpreisungen, wie: geheizter Zuschauerraum – oder: während der Pause Rauchen im Freien gestattet – oder: Studenten und Militär vom General abwärts halbe Preise; alle diese Begünstigungen haben die Theater nicht füllen können. – Die Reklame, die bei einem großen Theater jährlich Hunderte von Mark verschlingt, fällt bei dem Theaterzwang gänzlich weg. Ebenfalls auch die Preise der Plätze; denn die Plätze werden nicht mehr nach Standesunterschieden, sondern nach den Schwächen und Gebrechen der Theaterbesucher eingeteilt:
1.- 5. Parkettreihe: Die Schwerhörigen und die Kurzsichtigen.
6.-10. Parkettreihe: Die Hypochonder und Neurastheniker.
11.-15. Parkettreihe: Die Haut- und Gemütskranken.
Sämtliche Rang- und Galerieplätze stehen den Asthmatikern und Gichtleidenden zur Verfügung.
Auf eine Stadt wie Berlin kämen also – ausgenommen die Säuglinge und Kinder unter acht Jahren, Bettlägerige und Greise – täglich rund zwei Millionen Theaterbesuchspflichtige, eine Zahl, die die jetzige Theaterbesucherzahl der Freiwilligen weit überschreitet.
Man hat ja mit der freiwilligen Feuerwehr ebenfalls bittere Erfahrungen gemacht – und nach langer Zeit nun eingesehen, daß es heute ohne Pflichtfeuerwehr nicht geht.
Warum geht es also bei der Feuerwehr und nicht beim Theater? Gerade Feuerwehr und Theater sind heute so innig verbunden – ich habe in meiner langjährigen Bühnenpraxis hinter den Kulissen noch nie ein Theaterstück ohne Feuerwehrmann gesehen.
Sollte die vorgeschlagene „Allgemeine Theaterbesuchspflicht“, genannt „ATBPF“, zur Einführung kommen und, wie oben erwähnt, täglich zwei Millionen Mensehen in das Theater zwingen, so müssen in einer Stadt wie Berlin zwanzig Theater mit je hunderttausend Plätzen zur Verfügung stehen. Oder vierzig Theater mit je fünfzigtausend Plätzen – oder hundertsechzig Theater mit je zwölftausendfünfhundert Plätzen – oder dreihundertzwanzig Theater mit je sechstausendzweihundertfünfzig Plätzen – oder sechshundertvierzig Theater mit dreitausendeinhundertfünfundzwanzig Plätzen – oder zwei Millionen Theater mit je einem Platz.
Was aber dann für eine famose Stimmung in einem vollbesetzten Hause mit, sagen wir, fünfzigtausend Besuchern herrscht, weiß nur jeder Darsteller selbst. Nur durch solche eminente Machtmittel kann man den leeren Häusern auf die Füße helfen, nicht durch Freikarten – nein – nur durch Zwang – und zwingen kann den Staatsbürger nur der Staat.

von Karl Valentin (1882-1948)

Lewwer duad üs Slaav: Pidder Lüng

16. Mai 2012

Die Ballade von Pidder Lüng

 

Frei ist der Fischfang,
frei ist die Jagd,
frei ist der Strandgang,
frei ist die Nacht,
frei ist die See, die wilde See
an der Hornemmer Rhee.

 

Der Amtmann von Tondern, Henning Pogwisch,
Schlägt mit der Faust auf den Eichentisch:
Heut fahr ich selbst hinüber nach Sylt,
Und hol mir mit eigner Hand Zins und Gült.
Und kann ich die Abgaben der Fischer nicht fassen,
Sollen sie Nasen und Ohren lassen,
Und ich höhn ihrem Wort:
          Lewwer duad üs Slaav.

 

Im Schiff vorn der Ritter, panzerbewehrt,
Stützt sich finster auf sein langes Schwert.
Hinter ihm, von der hohen Geistlichkeit,
Steht Jürgen, der Priester, beflissen, bereit.
Er reibt sich die Hände, er bückt den Nacken.
Der Obrigkeit helf ich, die Frevler packen,
In den Pfuhl das Wort:
          Lewwer duad üs Slaav.

 

Gen Hörnum hat die Prunkbarke den Schnabel gewetzt,
Ihr folgen die Ewer, kriegsvolkbesetzt.
Und es knirschen die Kiele auf den Sand,
Und der Ritter, der Priester springen ans Land,
Und waffenrasselnd hinter den beiden.
Entreißen die Söldner die Klingen den Scheiden.
Nun gilt es, Friesen:
          Lewwer duad üs Slaav.

 

Die Knechte umzingeln das erste Haus,
Pidder Lüng schaut verwundert zum Fenster heraus.
Der Ritter, der Priester treten allein
Über die ärmliche Schwelle hinein.
Des langen Peters starkzählige Sippe
Sitzt grad an der kargen Mittagskrippe.
Jetzt zeige dich, Pidder:
          Lewwer duad üs Slaav.

 

Der Ritter verneigt sich mit hämischem Hohn,
Der Priester will anheben seinen Sermon.
Der Ritter nimmt spöttisch den Helm vom Haupt
Und verbeugt sich noch einmal: Ihr erlaubt,
Daß wir euch stören bei euerm Essen,
Bringt hurtig den Zehnten, den ihr vergessen,
Und euer Spruch ist ein Dreck:
          Lewwer duad üs Slaav.

 

Da reckt sich Pidder, steht wie ein Baum:
Henning Pogwisch, halt deine Reden im Zaum.
Wir waren der Steuern von jeher frei,
Und ob du sie wünschst, ist uns einerlei.
Zieh ab mit deinen Hungergesellen,
Hörst du meine Hunde bellen?
Und das Wort bleibt stehn:
          Lewwer duad üs Slaav.

 

Bettelpack, fährt ihn der Amtmann an,
Und die Stirnader schwillt dem geschienten Mann:
Du frißt deinen Grünkohl nicht eher auf,
Als bis dein Geld hier liegt zu Hauf.
Der Priester zischelt von Trotzkopf und Bücken,
Und verkriegt sich hinter des Eisernen Rücken.
O Wort, geh nicht unter:
          Lewwer duad üs Slaav.

 

Pidder Lüng starrt wie wirrsinnig den Amtmann an,
Immer heftiger in Wut gerät der Tyrann,
Und er speit in den dampfenden Kohl hinein:
Nun geh an deinen Trog, du Schwein.
Und er will, um die peinliche Stunde zu enden,
Zu seinen Leuten nach draußen sich wenden.
Dumpf dröhnts von drinnen:
          Lewwer duad üs Slaav.

 

Einen einzigen Sprung hat Pidder gethan,
Er schleppt an den Napf den Amtmann heran,
Und taucht ihm den Kopf ein, und läßt ihn nicht frei,
Bis der Ritter erstickt ist im glühheißen Brei,
Die Fäuste dann lassend vom furchtbaren Gittern,
Brüllt er, die Thüren und Wände zittern,
Das stolzeste Wort:
          Lewwer duad üs Slaav.

 

Der Priester liegt ohnmächtig ihm am Fuß,
Die Häscher stürmen mit höllischem Gruß,
Durchbohren den Fischer und zerren ihn fort,
In den Dünen, im Dorf rasen Messer und Mord.
Pidder Lüng doch, ehe sie ganz ihn verderben,
Ruft noch einmal im Leben, im Sterben
Sein Herrenwort:
          Lewwer duad üs Slaav.

 

Die Sage von Pidder Lüng

Verheiraten konnte sich keiner der Hörnumer, daran war nicht zu denken. Sie hatten keine ordentlichen Wohnungen und Möbel, kein Vieh, keine Gärten, keine Äcker und konnten sich selber im Winter oft nur notdürftig ernähren und sich im Frühjahr wieder zum Fischfang ausrüsten. Es gebrach ihnen sogar an eigenen Fischerfahrzeugen, Fischerleinen, Netzen und anderen Geräten. Deshalb mußten viele von ihnen für Lohn arbeiten und sich alljährlich als Gehilfen oder Matrosen verdingen, am häufigsten auf Helgoländer Fischerfahrzeugen.
Nur Jakob Lüng hatte ein ordentliches Haus und ein freilich altes, aber noch immer starkes und brauchbares größeres Schiff, das er von seinem Vater geerbt hatte. Auch hatte er immer Geld genug, um im Notfalle den übrigen Hörnumer Fischern damit zu Hilfe zu kommen. Im übrigen lebte er mit seiner Frau still und zurückgezogen im Dünental, ging seinen Geschäften als Fischer nach, sprach wenig, kümmerte sich überhaupt selten um das Tun und Treiben anderer Menschen und kam nicht oft nach anderen Gegenden und Dörfern der Insel.
Eines Jahres schenkte ihm seine Frau einen kleinen Sohn, den er Peter taufen ließ, der aber von seinen Landsleuten gewöhnlich Pidder Lüng und später, als er herangewachsen war, wegen der Länge seines Leibes und seiner Glieder oft der lange Peter genannt wurde.
Im übrigen gab es für den einzigen Prediger in Rantum, nämlich den Herrn Einerlei, in vielen Jahren auf Hörnum nichts zu tun und keine Gebühren zu erheben. Trauungen und Kindtaufen kamen dort nicht vor, und Beerdigungen pflegten im Meer oder in der Stille auf alten Kirchhöfen in den Dünen zu geschehen. Zur Kirche gingen die Hörnumer Fischer nicht. Beichte und Ablaß, Heiligen– und Bilderverehrung waren ihnen vollends zuwider. Fegefeuer und Hölle schienen sie nicht zu fürchten; priesterliche Drohungen und Bannflüche aber verlachten sie. Als der Priester Georg durch Drohungen und Bannsprüche nichts bei ihnen ausrichtete, versuchte er durch Schmeicheleien mindestens einige Opfer und Zehnten von ihnen zu gewinnen. Glatten Worten schienen jedoch die Fischer unzugänglich zu sein. Als der habsüchtige Priester sie wiederholt aufforderte, ihm statt der Geldgebühren einen Teil ihrer gefangenen Fische zukommen zu lassen, konnten sie aber, wie es schien, nicht länger widerstehen und versprachen, ihm zu willfahren.
Eines Tages nun kam einer der Fischer mit einem großen, schweren Sack auf dem Rücken zu Herrn Georg und sagte zu ihm, daß er ihn von seinen Kameraden, den Hörnumer Fischern, grüßen und ihm einen Teil ihres Rochenfanges bringen solle. Der Priester wurde froh, gab dem Überbringer einen Trinkpfennig und nahm den Sack in Empfang. Er öffnete ihn, nachdem der Fischer sich schnell wieder entfernt hatte. Allein — wie war er enttäuscht und erbittert! Der Sack enthielt nämlich lauter „Rochelprotter“. Das sind Stacheln von Giftrochen, von Fischen, die damals sehr häufig bei Hörnum gefangen wurden.
Das hatte Herr Georg den Hörnumern nicht zugetraut! Sein Ingrimm gegen sie war jetzt grenzenlos. Er sah, daß bei den Fischern mit Güte ebensowenig wie mit Drohungen etwas auszurichten war. So wandte er sich an die Obrigkeit mit der Bitte, Vögte zu entsenden, um die halsstarrigen und unbußfertigen Fischer und Strandräuber auf Sylt zu bändigen. Und siehe, seine Bitte wurde erfüllt. Es waren indessen auch schon zu dieser Zeit in Eiderstedt, auf Nordstrand und Föhr Land– und Strandvögte angestellt worden. Aber man hatte bisher noch nicht an das abgelegene Sylt gedacht und am allerwenigsten daran, daß in Rantum ein Strandvogt sein müßte. Auf solche Weise bekamen die Sylter ihre ersten Vögte. Von ihnen heißt es, daß die Leute und besonders die Hörnumer Fischer nichts nach ihnen fragten, ihnen nicht gehorchen wollten.
Doch jetzt erst noch etwas von Pidder Lüng, dem Sohn des Jakob Lüng. Als er noch klein und jung war, hielten die Fischer ihn oft zum besten, um ihren Spaß mit ihm zu haben und sich in müßigen Stunden die Zeit zu vertreiben. Wenn der kleine Pidder zuletzt jedoch merkte, daß die Fischer ihm etwas weisgemacht hatten, lachten sie ihn noch dazu aus. Dadurch wurde der Junge mißtrauisch und glaubte außer seinen Eltern niemandem mehr.
Eines Tages hatte er sich ziemlich weit von der elterlichen Wohnung entfernt. Er lag in einem Dünental und pflückte sogenannte Hungerblumen, um damit zu spielen. Da trat ein Mädchen aus NeuRantum von hinten leise zu ihm und hielt ihm die Hände vor die Augen, so daß er nichts sehen konnte. Pidder schrie laut auf und kratzte die Hände des Mädchens. Da zog es die Hände zurück, und er konnte wieder sehen.
„Die Blumen, die du gepflückt hast, sind häßlich“, sprach das Mädchen.
„Nein“, antwortete Pidder zornig, „sie sind schön.“
„Aber sie riechen häßlich“, sprach es weiter.
„Nein, sie riechen schön“, entgegnete er.
„Pidder Lüng, wie bist du noch so klein und schwach“, sprach das Mädchen aus NeuRantum.
„Nein“, rief Peter trotzig, „ich bin groß und stark.“ „Aber du bist böse.“
„Nein, ich bin nicht böse.“
„Wenn du nicht böse bist, so komm her und gehorche mir!“
„Ich will nicht.“
„Aber, Pidder, komm doch, ich will dich waschen, du bist schmutzig.“
„Nein, ich bin nicht schmutzig, ich will nicht gewaschen sein.“
„Nun, Peter, darf ich denn deine Nase nicht saubermachen?“
„Nein!“
„Willst du nicht meinen Korb tragen, du eigensinniger Junge?“
„Nein, ich will nicht, ich bin nicht eigensinnig.“
„Will Pidder Lüng denn gar nicht hören?“
„Nein, ich will nicht hören!“
„Auch nicht gut werden?“
„Nein, ich will nicht gut werden!“
In solcher Schule wuchs Peter auf. Die Fischer, die ihren Spaß mit ihm hatten, machten ihn mißtrauisch; neckende Mädchen machten ihn eigensinnig. Er war so widerspenstig und hartnäckig geworden, daß er zu allem, was man von ihm verlangte oder worum man ihn bat, niemals ja, sondern immer nein sagte. Nur seiner Mutter, einem weinenden Kinde, der darbenden Armut, dem Jammer und dem Elend der Menschen gegenüber konnte er nicht nein sagen. Da war es, als ob ihm das Herz vor Mitleid brechen müßte. Er war unterdessen groß und stark geworden und half bereits beim Fischfang.
Eines Abends — bei hellem Mondschein und mildem Wetter — blickte er, in Gedanken vertieft, auf die Stätte, wo einst das Haus seines Großvaters gestanden hatte. Es war um die Zeit, als der Priester Georg besonders ingrimmig gegen die Hörnumer wütete, als er veranlaßte, daß die Vögte kamen, welche die alten Freiheiten und Rechte der Sylter zu unterdrücken strebten. Da schien ihm, als ob eine weinende Gestalt händeringend auf dem Herdsteine des alten, verbrannten Hauses saß. Je länger er die Gestalt anschaute, desto bestimmtere Züge nahm sie an, desto mehr überzeugte er sich, daß er ein wirkliches Wesen vor sich sah.
„Wer bist du?“ fragte er endlich.
„Ich bin die Stavenhüterin. Wo rechtschaffene, freie Menschen wohnten, da bewache ich die Stätte, wo sie geweilt haben, damit der Ort nicht durch Lug und Trug, durch Unrecht und Unterdrückung entweiht werde. Oh, daß Jens Lüng noch lebte!“
„Warum?“ sprach Peter. „Jens Lüng war mein Großvater.“
„Ach“, sagte das händeringende Weib, „möchtest du ihm ähnlich sein, zu wehren mit festem, männlichem Sinn dem Greuel der Verwüstung, der über Friesland immer mehr hereinbricht. Ach, möchtest du retten an Tugenden und Freiheiten, was zu retten ist, oder, wenn du — wie ich fürchte — nicht siegen kannst, im Kampf untergehen nach alter Weise. Lewwer duad üs Slaaw! (Lieber tot als Sklave!)“ Peter schwur, tief erschüttert: „Ja! Lewwer duad üs Slaaw! Ich will in die Fußtapfen meines Großvaters treten, so gut ich’s kann und verstehe!“ Darauf verschwand die edle Stavenhüterin.
Unterdes gingen Jahre hin und änderten nichts. Eines Tages aber hatte Pidder Lüng, der jetzt schon gegen 26 Lebensjahre zählte, für seine alte Mutter, die wie sein Vater besonders gern Grünkohl aß, obgleich dieses Küchengewächs auf Hörnum nicht gedeihen wollte, eine große Tracht Kohl von guten Freunden auf Westerland geholt und auf seinem Rücken heimgetragen. Die Mutter hatte am folgenden Tage den Kohl gekocht. Alle drei freuten sich auf dieses Gericht und saßen eben rings um den Tisch, um sich den herrlichen Kohl wohlschmecken zu lassen. Da öffnete sich die Tür ihres Hauses, und es trat ein junger Mann in kostbarer Kleidung in die Stube. In seinem Gefolge waren der alte falsche Priester Georg, der Landvogt der Insel und der Strandvogt von Rantum.
Der junge Herr grüßte nicht, sondern sagte: „Wohnt hier das Gesindel, welches Gott und der hohen Obrigkeit trotzt?“
Peters Mutter ließ vor Schreck den Löffel fallen. Peter selbst zerbrach den seinigen vor Wut und knirschte mit den Zähnen. Nachdem der langsame, alte Jakob Lüng sich besonnen hatte, antwortete er: „Wir sind kein gottloses Gesindel, sind ehrliche Fischersleute und niemandem etwas schuldig! Wer seid Ihr aber, der Ihr in das Haus eines freien Friesen einzudringen wagt — wie es scheint, nicht in guter Absicht?“
„Wer ich bin, alter Trotzkopf, das will ich dir gleich zeigen. Ich bin von der Obrigkeit hierher gesandt und komme im Namen meines Herrn Vaters, des Amtmanns Henning Pogwisch in Tondern, um euch eures Ungehorsams wegen zu strafen und alles andere trotzige und hochmütige Gesindel auf Sylt zu bändigen. Ihr scheint hier noch keine Ahnung davon zu haben, welche Gewalt die Obrigkeit besitzt noch wie ihr als Untertanen euch gegen sie zu verhalten habt. Das will ich euch lehren, ihr freien friesischen Kohlfresser, die ihr Abgaben mit Rochenstacheln zu bezahlen euch erfrecht!“
Den jungen Pogwisch überkam bei diesen Worten eine starke Anwandlung zum Husten und zugleich eine unwiderstehliche Neigung, seinem Spott und seiner hochmütigen Laune Luft zu machen. Er spuckte in dieser Aufwallung in die Kohlschüssel der Friesen. Da war die Geduld des jungen Pidder Lüng, der bisher stillgeblieben war, zu Ende. Glühend vor Zorn stand er auf Er zitterte an allen Gliedern. „Wer in den Kohl spuckt, soll ihn fressen!“ rief er, faßte mit riesiger Kraft den Nacken des Pogwisch und drückte ihm das Gesicht in den heißen Kohl, bis der junge Tyrann erstickte.
„Um Gott, was machst du?“ schrie Herr Georg. Jakob Lüng und seine Frau erblaßten. Die beiden Vögte ergriffen feige die Flucht.
Jetzt wurde es draußen lebendig. Die mitgekommenen Fußknechte, Henker und Diener hatten, während das eben Erzählte im Hause Jakob Lüngs vorfiel, sich über die hölzernen, galgenähnlichen Gerüste der Fischer lustig gemacht, woran die Rochen und andere Fische zum Trocknen aufgehängt waren. Spottend sagten sie: „Seht, da sind die Galgen für die Strandräuber schon fertig!“ Dabei hatten sie die ungestalten, übelriechenden Rochen bereits heruntergerissen, um den Fischern Platz zu machen. Doch diese waren noch nicht gefangen und nicht gewillt, sich von einer Handvoll Landsknechte gutwillig greifen und hängen zu lassen. Einer der Fischer rief: „Sie wollen wieder Abgaben haben. Wartet nur, wir bezahlen mit Rochenstacheln!“ Die Fischer schnitten eiligst ihren Rochen die stacheligen Schwänze ab, und mit diesen gefährlichen Waffen fielen sie über die Knechte des Amtmanns her, hieben ihnen Köpfe und Rücken wund und jagten sie in die Flucht. Jetzt kamen in großer Angst die Vögte und der Priester aus dem Haus des Jakob Lüng.
„Seid ihr blind oder könnt ihr sehen?“ riefen die Fischer den Vögten zu.
„Wir sind blind und geschlagen; wir sehen nichts!“ antworteten die feigen Vögte.
„Ich verfluche euch in die Hölle, ihr Heiden!“ schrie der Priester.
„Aha“, riefen die Fischer, „da ist der Herr Pater Gierig auch; den müssen wir blind machen. Doch nein, wir wollen ihm von den Rochenschwänzen die Zehnten geben. Hört, seid nicht karg gegen ihn. Gebt ihm reichlich!“ So schrien die erbosten Fischer einander zu und hieben mit ihren Rochenschwänzen dermaßen auf den falschen Priester ein, daß die giftigen Stacheln ihm die Haut von den Knochen rissen, zum Teil im Fleische steckenblieben und er nur mit genauer Not lebendig nach Rantum zurückkehrte, wo er bald darauf an seinen Wunden starb. So ging es damals auf Hörnum zu!
Nach diesem Aufruhr wurde es dort eine Zeitlang sehr still. Pidder Lüng freilich konnte sich viele Jahre nicht wieder auf Sylt sehen lassen. In dem Ewer seines Vaters fuhr er mit einigen Freunden von Hörnum weg, auf die See und in die Fremde. Viele andere Fischer folgten ihm nach. Wenigstens hieß es so.
Als der böse Amtmann erfuhr, wie es seinem Sohn und seinen Dienern auf Sylt ergangen war, wurde er sehr zornig. Er ließ alle Fußknechte, Soldaten und andere Diener aus dem ganzen Amte zusammenkommen und sandte sie mit den strengsten Befehlen nach Sylt, die Hörnumer Fischer und Stranddiebe tot oder lebendig nach Tondern zu bringen. Als diese jedoch auf Sylt ankamen, waren Pidder Lüng und alle anderen Fischer bereits auf das Meer entflohen.
Nur einige alte, schwache Leute, unter denen sich auch Jakob Lüng und seine Frau befanden, waren noch auf Hörnum. Als diese erfuhren, daß des Amtmanns Knechte und viele andere Diener und Soldaten gekommen wären, um die Hörnumer Aufrührer zu fangen, mußten auch sie sich zur Flucht rüsten. Jedoch Jakob Lüng wollte nicht. Seine Frau sagte zu ihm: „Wenn die Häscher die Schuldigen nicht finden, so werden sie die Unschuldigen mitnehmen und büßen lassen. Wir müssen fliehen.“
„Ich mag nicht fliehen. Ich laufe vor niemandem davon“, antwortete Jakob.
„Aber lieber Mann, sie werden dir das Leben nehmen“, sprach seine Frau.
„Nun, laß sie, ich bin alt genug zum Sterben“, war die Antwort.
Als die Frau sah, daß ihr Mann sich nicht zur Flucht bewegen ließ, ging sie hinaus, um mit den Nachbarn zu sprechen und von sich aus die Rettung herbeizuführen. Gegen Abend kehrte sie wieder heim zu ihrem Mann. Als es dunkel geworden war, zündete sie ihre Lampe an und legte ihre Kleider und notwendigsten Sachen bereit. Kaum war sie damit fertig, so wurde heftig an die Haustür geklopft. Die Frau des Jakob Lüng blies schnell die Lampe aus und ging zur Tür, um aufzumachen. Die hereintretenden Männer sprachen harte und rauhe Worte, welche die beiden Eheleute nur teilweise verstanden. Die Fremdlinge nahmen jetzt mit leichter Muhe den alten, langsamen Jakob gefangen, banden ihm die Hände und führten ihn samt seiner Frau aus dem Hause fort. Die Gesellschaft wanderte in der sehr finsteren Nacht schweigend durch die Dünen nach dem Meer und dann längs des westlichen Strandes nordwärts. Als sie ungefähr drei Stunden gegangen waren, stiegen alle, noch immer schweigend, wieder über die Dünen in das Innere dieses kleinen Gebirges. Sie waren in einer dem alten Jakob Lüng fremden Gegend. Mitten in einem wilden, verborgenen Dünenkessel standen die Reste eines alten, im Sande halb begrabenen Hauses. Hier klopfte man an. Ein kleiner, buckliger Mann, den die Begleiter oder Entführer des alten Ehepaares in der Sylter Sprache anredeten und den sie Pua nannten, öffnete leise die Tür, ließ alle ein und schloß die Tür eilig wieder zu.
Jakob Lüng und seine Ehefrau waren gerettet.
Am folgenden Morgen stürmten die Tondernschen Häscher und Knechte des Amtmanns nach Hörnum, fanden aber das Nest leer. Sie zerstörten das Haus Jakob Lüngs, nachdem sie es wie auch die übrigen Hütten der Hörnumer geplündert hatten. Darauf begannen sie alle Dörfer, Schluchten und andere verborgene Stätten der Insel sowie viele einzelne Wohnungen zu durchsuchen. Sie forderten auch alle wohlgesinnten Sylter auf, ihnen zu Hilfe zu kommen. Es waren aber keine ihnen wohlgesinnten Sylter zu finden, mit Ausnahme allerdings des Priesters Georg. Dieser lag jedoch im Sterben und konnte ihnen nichts mehr nützen. Jetzt wollte man die Sylter zu solcher Hilfeleistung zwingen. Allein sie waren und blieben widerspenstig und rührten sich nicht zur Teilnahme an solchem widerwärtigen Geschäft. Sie schienen vielmehr geneigt zu sein, allesamt die Rochenschwänze in die Hand zu nehmen, um sie gleich den Hörnumern zu gebrauchen und die herrschsüchtigen Fremdlinge damit zu verjagen.
Unterdessen kamen für die Dienstleute des Amtmanns, ehe sie auf Sylt irgendeinen Erfolg hatten, schlimme Nachrichten vom Festland. Als nämlich die Tondernschen Geest– und Marschharden des Festlandes von den Knechten des tyrannischen Amtmanns entblößt waren, begannen die Bauern auch dort trotzig zu werden. Sie wollten keine Steuern mehr bezahlen und machten Miene, nach Tondern zu gehen, um den bösen Amtmann zu erschlagen. Die Regierung merkte jedoch den Unfrieden und wollte die Grausamkeiten des Amtmanns Pogwisch und seiner Söhne nicht länger dulden.
Sie kam deshalb den Bauern zuvor und ließ den Amtmann absetzen und mit seinen Söhnen aus dem Reiche vertreiben.

Die Zukunft ist’s, die düster starrt: Pessimistisches mit Eugen Roth

16. Mai 2012

Einige sagen, ein Grund dafür dass vieles so schief läuft sei, dass die Stimmen derer fehlen, die im auslaufenden 19. Jahrhundert geboren wurden. Erster Weltkrieg, Ende des Kaiserreiches, Novemberrevolution, Inflation, Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus, zweiter Weltkrieg… für uns heute unfassbar, was in einer Lebenszeit so alles passieren kann. Den deutschen Lyriker Eugen Roth (1895-1976) findet man in Buchhandlungen zu Unrecht in der Abteilung für Geschenkbände. Nicht dass ein Buch von Roth kein schönes Geschenk wär, aber es wirkt schon etwas deplaziert neben Titeln wie „Mama ist die Beste“. Denn man merkt seinem Werk deutlich an, dass er auf solch ein bewegtes Leben zurückschaut. Und – und das macht die Platzierung unter Geschenkbänden noch unverständlicher – das mit einer gehörigen Portion Misanthropie und Pessimismus. Ich möchte nun ein paar seiner „Ein Mensch“-Gedichte vorstellen und mit Roths Antwort auf die einleitende These, dass die Stimmen seiner Generation heut fehlen, beginnen:

Unfaßbar

Ein Mensch, zum Greis herangereift,
Rückschauend lediglich noch begreift,
Wie er durch zwei Kriege kam
Und selbst die Hitler-Hürde nahm.
Doch ewig blieb ihm rätselhaft,
Wie einst er das Pennal geschafft.

Ein Mensch, der zwei Währungsreformen hinter sich hat, weiß instinktiv dass Papiergeld immer zu seinem „inneren Wert“ zurückkehrt. Einen wie Roth, konnte man noch nicht einmal mit dem ganzen „Wirtschaftswunder-Schmus“ umgauckeln:

Entwicklung

Ein Mensch kriegt‘ einst (und fands zu teuer!)
Ein wahres Schnitzel-Ungeheuer.
Dann wards allmählich immer kleiner,
Dann zahlte zwei Mark er statt einer.
Dann schrumpfte neuerdings es stark.
Dann wieder stieg es auf drei Mark.
Dann wars nur noch ein Gaumenkitzel.
Dann kostete vier Mark dies Schnitzel.
Das Wechselspiel ging immer schneller:
Fünf Mark für beinahe leeren Teller.
Von Wirtschaftswunder-Schmus umgauckelt,
wird es dem Nichts so zugeschauckelt.
Zuletzt – der Himmel mög uns schonen! –
Gibts wieder gar keins – für Millionen!

So wird es kommen. Auch wenn der Rothsche Schnitzel-Index mittlerweile durch den präziseren Big-Mac-Index ersetzt wurde. Und dann gilt es in Zeiten des Umsturzes die Freiheit zu verteidigen, auf das es nicht gefährlich wird auf Listen zu stehen – wir sind hier doch nicht bei den Chinesen! Doch ich übergebe an Eugen Roth, der mit einem Kommentar über die Eurozone und die zu erwartende Haltbarkeit ihrer Währung beginnt:

Leider

Ein Mensch sieht schon seit Jahren klar:
Die Lage ist ganz unhaltbar.
Allein – am längsten, leider, hält
Das Unhaltbare auf der Welt.

Sage

Ein Mensch – ich hab das nur gelesen –
Hat einst gelebt bei den Chinesen
Als braver Mann; er tat nichts Schlechts
Und schaute nicht nach links und rechts;
Er war besorgt nur, wie er find
Sein täglich Brot für Weib und Kind.
Es herrschte damals voller Ruh
Der gute Kaiser Tsching-Tschang-Tschu.
Da kam der böse Dschu-pu-Tsi;
Man griff den Menschen auf und schrie:
„Wir kennen Dich, Du falscher Hund,
Du bist noch Tsching-Tschang-Tschuft im Grund!“
Der Mensch, sich windend wie ein Wurm,
Bestand den Dschuh-Putschistensturm,
Beschwörend, nur Chinese sei er.
Gottlob, da kamen die Befreier!
Doch die schrien gleich: „Oh Hinterlist!
Du bist auch ein Dschuh-Pu-Blizist!“
Der Mensch wies nach, daß sie sich irren. –
Oh weh, schon gab es neue Wirren:
Es folgten Herren neu auf Herren,
Den Menschen hin und her zu zerren:
„Wie? Du gesinnungsloser Tropf!“
So hieß es, „hängst am alten Zopf?“
Der Mensch nahm also seinen Zopf ab. –
Die nächsten schlugen ihm den Kopf ab,
Denn unter ihnen war verloren,
Wer frech herumlief, kahlgeschoren.
So schwer ists also einst gewesen,
Ein Mensch zu sein – bei den Chinesen!

Umgekehrt

Ein Mensch wird ,Pessimist‘ geschmäht,
Der düster in die Zukunft späht.
Doch scheint dies Urteil wohl zu hart:
Die Zukunft ist’s, die düster starrt!

Umstürze

Ein Mensch sieht wild die Menschheit grollen:
Paß auf! Jetzt kommt, was alle wollen!
Doch schau, die Klügern sind schon still:
’s kommt, was im Grunde keiner will.

Freiheit

Ein Mensch schwärmt in Begeistrung hell
Fürs Schweizervolk und seinem Tell,
Der niederschoß den Habsburg-Schergen
Und Freiheit ausrief in den Bergen,
Was ihm belohnt mit guten Franken,
Noch heut die späten Enkel danken.
Die Welt mit Freiheit gerne prahlt,
Die alt verbürgt und längst bezahlt.
Doch kleiner wird der Kreis von Lobern,
Gilts hier und heut sie zu erobern.

Die Liste

Ein Mensch, der ohne jeden Grund
Auf einer schönen Liste stund,
Stand dadurch zugleich hoch in Gnaden
Und ward geehrt und eingeladen.
Ein andrer Mensch, der auch von wem,
Gleichgültig, obs ihm angenehm,
Auf eine Liste ward gesetzt,
Bezahlt es mit dem Leben jetzt.
Moral ist weiter hier entbehrlich:
Auf Listen stehen ist gefährlich.

Zu spät

Ein Mensch erführ gern: wer, warum,
Wann, was und wie? Doch wahret stumm
Ihr Staatsgeheimnis die Geschichte. –
Dann regnets unverhofft Berichte:
Im Grund kommt alles an den Tag –
Wenn es kein Mensch mehr wissen mag!

Zivilcourage

Ein Mensch erfährt, daß unsere Zeit
Voll sei von Rücksichtslosigkeit.
Doch sieht aus Feigheit, aus bequemer,
Er ringsum lauter Rücksichtnehmer.
Die Freiheit geht doch wohl im Grunde
Aus dieser Rücksicht vor die Hunde.

Mitmenschen

Ein Mensch schaut in der Straßenbahn
Der Reihe nach die Leute an:
Jäh ist er zum Verzicht bereit
Auf jede Art Unsterblichkeit.

Seltsam genug

Ein Mensch erlebt den krassen Fall,
Es menschelt deutlich, überall –
Und trotzdem merkt man, weit und breit
Oft nicht die Spur von Menschlichkeit.

Abdankung

Ein Mensch, als junger Feuergeist,
der Lügen warmes Kleid zerreißt
Und geht – welch herrlicher Charakter! –
Kühn durch die Welt nun als ein Nackter.
Der Mensch wird alt, die Welt wird kalt:
Die Zeit zeigt ihre Allgewalt.
Der Mensch hälts, frierend, nicht mehr aus –
Froh wär er um den alten Flaus.
Doch hat er den nicht nur zerrissen,
Nein, auch die Fetzen weggeschmissen.
Mit Müh erwirbt er, so im Zwange,
Sich Weltanschauung von der Stange
Und geht nun, bis zu seinem Tode,
Gleich all den andren, nach der Mode.

Realismus

Ein Mensch erhofft sich leis‘ und still,
dass er einst das kriegt, was er will,
bis er dann dann doch dem Wahn erliegt
und schliesslich das will, was er kriegt!

Eugen Roth (1895 – 1976)