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Die Zukunft ist’s, die düster starrt: Pessimistisches mit Eugen Roth

16. Mai 2012

Einige sagen, ein Grund dafür dass vieles so schief läuft sei, dass die Stimmen derer fehlen, die im auslaufenden 19. Jahrhundert geboren wurden. Erster Weltkrieg, Ende des Kaiserreiches, Novemberrevolution, Inflation, Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus, zweiter Weltkrieg… für uns heute unfassbar, was in einer Lebenszeit so alles passieren kann. Den deutschen Lyriker Eugen Roth (1895-1976) findet man in Buchhandlungen zu Unrecht in der Abteilung für Geschenkbände. Nicht dass ein Buch von Roth kein schönes Geschenk wär, aber es wirkt schon etwas deplaziert neben Titeln wie „Mama ist die Beste“. Denn man merkt seinem Werk deutlich an, dass er auf solch ein bewegtes Leben zurückschaut. Und – und das macht die Platzierung unter Geschenkbänden noch unverständlicher – das mit einer gehörigen Portion Misanthropie und Pessimismus. Ich möchte nun ein paar seiner „Ein Mensch“-Gedichte vorstellen und mit Roths Antwort auf die einleitende These, dass die Stimmen seiner Generation heut fehlen, beginnen:

Unfaßbar

Ein Mensch, zum Greis herangereift,
Rückschauend lediglich noch begreift,
Wie er durch zwei Kriege kam
Und selbst die Hitler-Hürde nahm.
Doch ewig blieb ihm rätselhaft,
Wie einst er das Pennal geschafft.

Ein Mensch, der zwei Währungsreformen hinter sich hat, weiß instinktiv dass Papiergeld immer zu seinem „inneren Wert“ zurückkehrt. Einen wie Roth, konnte man noch nicht einmal mit dem ganzen „Wirtschaftswunder-Schmus“ umgauckeln:

Entwicklung

Ein Mensch kriegt‘ einst (und fands zu teuer!)
Ein wahres Schnitzel-Ungeheuer.
Dann wards allmählich immer kleiner,
Dann zahlte zwei Mark er statt einer.
Dann schrumpfte neuerdings es stark.
Dann wieder stieg es auf drei Mark.
Dann wars nur noch ein Gaumenkitzel.
Dann kostete vier Mark dies Schnitzel.
Das Wechselspiel ging immer schneller:
Fünf Mark für beinahe leeren Teller.
Von Wirtschaftswunder-Schmus umgauckelt,
wird es dem Nichts so zugeschauckelt.
Zuletzt – der Himmel mög uns schonen! –
Gibts wieder gar keins – für Millionen!

So wird es kommen. Auch wenn der Rothsche Schnitzel-Index mittlerweile durch den präziseren Big-Mac-Index ersetzt wurde. Und dann gilt es in Zeiten des Umsturzes die Freiheit zu verteidigen, auf das es nicht gefährlich wird auf Listen zu stehen – wir sind hier doch nicht bei den Chinesen! Doch ich übergebe an Eugen Roth, der mit einem Kommentar über die Eurozone und die zu erwartende Haltbarkeit ihrer Währung beginnt:

Leider

Ein Mensch sieht schon seit Jahren klar:
Die Lage ist ganz unhaltbar.
Allein – am längsten, leider, hält
Das Unhaltbare auf der Welt.

Sage

Ein Mensch – ich hab das nur gelesen –
Hat einst gelebt bei den Chinesen
Als braver Mann; er tat nichts Schlechts
Und schaute nicht nach links und rechts;
Er war besorgt nur, wie er find
Sein täglich Brot für Weib und Kind.
Es herrschte damals voller Ruh
Der gute Kaiser Tsching-Tschang-Tschu.
Da kam der böse Dschu-pu-Tsi;
Man griff den Menschen auf und schrie:
„Wir kennen Dich, Du falscher Hund,
Du bist noch Tsching-Tschang-Tschuft im Grund!“
Der Mensch, sich windend wie ein Wurm,
Bestand den Dschuh-Putschistensturm,
Beschwörend, nur Chinese sei er.
Gottlob, da kamen die Befreier!
Doch die schrien gleich: „Oh Hinterlist!
Du bist auch ein Dschuh-Pu-Blizist!“
Der Mensch wies nach, daß sie sich irren. –
Oh weh, schon gab es neue Wirren:
Es folgten Herren neu auf Herren,
Den Menschen hin und her zu zerren:
„Wie? Du gesinnungsloser Tropf!“
So hieß es, „hängst am alten Zopf?“
Der Mensch nahm also seinen Zopf ab. –
Die nächsten schlugen ihm den Kopf ab,
Denn unter ihnen war verloren,
Wer frech herumlief, kahlgeschoren.
So schwer ists also einst gewesen,
Ein Mensch zu sein – bei den Chinesen!

Umgekehrt

Ein Mensch wird ,Pessimist‘ geschmäht,
Der düster in die Zukunft späht.
Doch scheint dies Urteil wohl zu hart:
Die Zukunft ist’s, die düster starrt!

Umstürze

Ein Mensch sieht wild die Menschheit grollen:
Paß auf! Jetzt kommt, was alle wollen!
Doch schau, die Klügern sind schon still:
’s kommt, was im Grunde keiner will.

Freiheit

Ein Mensch schwärmt in Begeistrung hell
Fürs Schweizervolk und seinem Tell,
Der niederschoß den Habsburg-Schergen
Und Freiheit ausrief in den Bergen,
Was ihm belohnt mit guten Franken,
Noch heut die späten Enkel danken.
Die Welt mit Freiheit gerne prahlt,
Die alt verbürgt und längst bezahlt.
Doch kleiner wird der Kreis von Lobern,
Gilts hier und heut sie zu erobern.

Die Liste

Ein Mensch, der ohne jeden Grund
Auf einer schönen Liste stund,
Stand dadurch zugleich hoch in Gnaden
Und ward geehrt und eingeladen.
Ein andrer Mensch, der auch von wem,
Gleichgültig, obs ihm angenehm,
Auf eine Liste ward gesetzt,
Bezahlt es mit dem Leben jetzt.
Moral ist weiter hier entbehrlich:
Auf Listen stehen ist gefährlich.

Zu spät

Ein Mensch erführ gern: wer, warum,
Wann, was und wie? Doch wahret stumm
Ihr Staatsgeheimnis die Geschichte. –
Dann regnets unverhofft Berichte:
Im Grund kommt alles an den Tag –
Wenn es kein Mensch mehr wissen mag!

Zivilcourage

Ein Mensch erfährt, daß unsere Zeit
Voll sei von Rücksichtslosigkeit.
Doch sieht aus Feigheit, aus bequemer,
Er ringsum lauter Rücksichtnehmer.
Die Freiheit geht doch wohl im Grunde
Aus dieser Rücksicht vor die Hunde.

Mitmenschen

Ein Mensch schaut in der Straßenbahn
Der Reihe nach die Leute an:
Jäh ist er zum Verzicht bereit
Auf jede Art Unsterblichkeit.

Seltsam genug

Ein Mensch erlebt den krassen Fall,
Es menschelt deutlich, überall –
Und trotzdem merkt man, weit und breit
Oft nicht die Spur von Menschlichkeit.

Abdankung

Ein Mensch, als junger Feuergeist,
der Lügen warmes Kleid zerreißt
Und geht – welch herrlicher Charakter! –
Kühn durch die Welt nun als ein Nackter.
Der Mensch wird alt, die Welt wird kalt:
Die Zeit zeigt ihre Allgewalt.
Der Mensch hälts, frierend, nicht mehr aus –
Froh wär er um den alten Flaus.
Doch hat er den nicht nur zerrissen,
Nein, auch die Fetzen weggeschmissen.
Mit Müh erwirbt er, so im Zwange,
Sich Weltanschauung von der Stange
Und geht nun, bis zu seinem Tode,
Gleich all den andren, nach der Mode.

Realismus

Ein Mensch erhofft sich leis‘ und still,
dass er einst das kriegt, was er will,
bis er dann dann doch dem Wahn erliegt
und schliesslich das will, was er kriegt!

Eugen Roth (1895 – 1976)

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