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Zwangsvorstellungen II: Alles Theater!

25. Mai 2012

Aber natürlich könnten die deutschen Theater auch ganz ohne Subventionen spielen, sie haben es ja in der Vorhitlerzeit und in der unmittelbaren Nachkriegszeit auch getan. Allerdings hat man damals für das Publikum gespielt, nicht für die Kritiker und die Kulturpolitiker. Man hatte volle Häuser, ohne nennenswerte künstlerische Konzessionen machen zu müssen, denn gute Kunst verkauft sich meistens auch gut. Und man sieht es noch heute an den englischen und amerikanischen Theatern, an die keine Steuergelder fließen, weil sie vom Kartenverkauf gut leben können. Die einzigen Sparten, die subventioniert werden müssen, sind Oper und Ballett, und die werden auch in England und Amerika subventioniert, allerdings von privaten Sponsoren. Engländer und Amerikaner finden es nämlich undemokratisch, wenn Steuergelder für Dinge verwendet werden, an denen nur ein kleiner Teil der Bevölkerung teilnimmt.
Warum wird also das normale Sprechtheater nur in Deutschland (und Österreich) so hoch subventioniert? Die Antwort ist einfach: Weil man es hoch subventionieren will. Man will die Theater unter politischer Kontrolle halten, also hat man sie teuer gemacht, damit sie subventioniert werden müssen. Man hat dafür gesorgt, daß beispielsweise Schauspieler fest engagiert werden, auch wenn es zeitweise keine Rollen für sie gibt. Dann gehen sie halt ein paar Wochen lang spazieren oder arbeiten in Film, Funk und Fernsehen, und beziehen trotzdem ihr Theatergehalt weiter. Man hat auch dafür gesorgt, daß das technische Personal feste Arbeitszeiten, Weihnachts- und Urlaubsgeld und Altersrenten bekommt, als ob das Theater eine Industrie wäre und kein künstlerisches Unternehmen, ferner daß das Theater mehr Dramaturgen, Sekretäre, Requisiteure, Kostümschneider und Handwerker beschäftigt, als es tatsächlich braucht. Man gibt mehr Geld für Werbung aus. Man läßt Regisseure und Intendanten die Produktionen unnötig verteuern, indem sie – natürlich im Namen der heiligen Kunst – längere Probezeiten, kostspieligere Bühnenbilder oder Gastschauspieler verlangen.
Und man kümmert sich nur wenig um das Publikum. Auslastung und Eintrittspreise kommen zwar zur Sprache, werden aber nicht wirklich wichtig genommen. Konsequenterweise stehen auch fast alle Regisseure, Schauspieldirektoren und Intendanten auf dem Standpunkt, daß sie ihre persönlichen künstlerischen Ideen verwirklichen müssen, auch wenn es auf Kosten des Publikums geht und natürlich auch auf Kosten der Steuerzahler.
Aber nicht nur die großen Theater dürfen Geld aus sogenannten künstlerischen Gründen zum Fenster hinauswerfen, Subventionen fließen auch an Kellertheater, solange sie behaupten, daß sie „künstlerisch experimentieren“, sie fließen an Kabarettvorstellungen, bei denen vor allem Hosenherunterlassungs- und Grimassenkomik vorherrscht, sie fließen an Kleinkunsttheater, die dilettantische SängerInnen oder Krawattenkomiker für das biertrinkende Publikum engagieren, denn die Subventionsgeber legen Wert darauf, daß sie sich in künstlerische Dinge nicht einmischen, solange sie gebraucht werden, solange sie subventionieren dürfen. Übrigens weiß ich das auch aus persönlicher Erfahrung: Ich habe vor Jahren, einmal in Berlin und einmal in Wien, versucht, ein eigenes Theater zu gründen – nicht allein, sondern zusammen mit anderen Künstlern, und wir haben die Kosten genau berechnet und fachmännisch prüfen lassen. Beide Male habe ich den Fehler gemacht, zu erklären, daß ich keine Subventionen brauche, und beide Male haben die Kulturpolitiker der Städte Berlin und Wien mein Vorhaben verhindert. Sie wollten unbedingt zahlen.
Denn was sie um keinen Preis wollen, ist ein Theater, das von ihnen unabhängig ist. Dem mißtrauen sie zutiefst. Also engagiert man „moderne“ Regisseure, Schlingensief, Castorf, Haußmann und wie sie alle heißen, macht sie manchmal sogar zu Intendanten, und die liefern dann das, was sie – und nur sie! – modernes Theater nennen. Aber modernes Theater heißt – und man kann es nicht oft genug wiederholen: Ein Stück werktreu zu spielen, aber so, daß das Publikum das Gefühl hat, modernes Theater zu erleben. Das ist natürlich schwieriger, als Regiemätzchen zu erfinden, Geschlechtsverkehr auf der Bühne stattfinden zu lassen oder ein Stück aus dem 18. Jahrhundert ins 21. Jahrhundert zu verlegen. Man hat ja auch, bevor diese unguten „Regisseure“ auftauchten, klassische Stücke aus vergangenen Jahrhunderten werktreu inszeniert, und das Publikum hat sie durchaus als modern empfunden.
Die heutigen Regisseure verlegen zunächst einmal das Stück in ein anderes Bühnenbild und in eine andere Zeit. Und dann machen sie es wie seinerseits die Nazis: Alles, was ihnen am Text nicht paßt, wird gestrichen. Die Nazis nannten diese Texte dann „undeutsch“ oder „verjudet“, und die heutigen Regisseure nennen sie „Opas Theater“. Das ist der ganze Unterschied. Aber Zensur bleibt Zensur, auch wenn man sie „Modernisierung“ oder „Regie“ nennt. Und das Schlimmste ist: Junge Leute, die sich nicht an vergangene Zeiten erinnern können, bekommen keinen Goethe oder Strindberg oder Molnar zu sehen, sondern nur die Auswüchse eines Besserwissers. Und natürlich auch kein politisches Theater, kein Theater, das die heutige Gesellschaft in Frage stellt, kein nachdenkliches oder Gott behüte revolutionäres Theater, sondern in den allermeisten Fällen einfach eine Bühne, auf der sich die Menschen, wie im Kasperltheater, auffallend oder schweinisch benehmen.
Zugegeben, es gibt auch Leute, vor allem Zeitungskritiker, die parteigebundene Zeitungen vertreten, die sagen: Ist doch toll, alles spielt im Heute, sogar Shakespeare, Wotan mit Aktentasche, Nora erschießt ihren Mann, statt davonzulaufen, wie bei Ibsen, recht geschieht ihm, genial, Figaro ist kein Frisör, sondern spekuliert an der Börse, ach, Mozart stimmt dann nicht mehr? Who cares? Romeo ist schwul, und alle sind nackt, alle bumsen, war früher verboten, aber das Leben ist doch so, Traviata ist ’ne richtige Nutte, zeigt alles, der alte König Lear ist eine junge Frau, Faust ist debil, Othello spielt im Boxring, Zauberflöte im Zirkus, Hamlet im Brausebad, ja, das ist Kunst, das ist modernes Theater!
Hören Sie, Sie blöder Zeitungskritiker, ich bin weder neidisch, noch suche ich ein Engagement, ich bin 81 Jahre alt und will in Ruhe gelassen werden. Und natürlich weine ich Opas Theater keine Träne nach, das Theater muß mit der Zeit gehen, aber nicht mit der Zensur oder mit der Schmiere und vor allem: Sehen Sie doch endlich ein, auch wenn es die Theatermacher leugnen oder verdrängen, daß Kulturpolitiker und Theatermacher dieselbe Mutter haben, und die heißt nicht Demokratie, sondern Macht.

von Georg Kreisler (1922-2011)

Dieser Text wirft natürlich Fragen auf. Die nach der Henne und dem Ei beispielsweise. „Man will die Theater unter politischer Kontrolle halten, also hat man sie teuer gemacht, damit sie subventioniert werden müssen.“ Oder sind sie womöglich so teuer geworden, weil sie subventioniert werden? Läuft es nicht überall genau so? Wo Geld auf den Tisch gelegt wird, wird hingelangt! Auch bin ich mit Kreislers letzten Satz nicht einverstanden. Ihre Mutter heißt ganz eindeutig Demokratie. Also Macht!

Und hier noch ein sehr lesenswerter kulturkonservativer Blick von Michael Klonovsky auf das Thema:

„Im Regietheater hat sich die Geste der antibürgerlichen Revolte erhalten, die diese Gesellschaft seit 1968 prägt, aber mangels eines konkreten Objektes – es ist ja längst alles abgeräumt – erschöpft sie sich im Selbstzweck. Mangels Bürgern im Publikum ist die antibürgerliche Attitüde leer und hohl geworden. Regietheater ist heute ungefähr so avantgardistisch wie Nippel-Piercing und Arsch-Tatoo, also in Wirklichkeit eine Form von mainstreamiger Linksspießigkeit.“ Weiterlesen: Herunter! Herunter!

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